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Heike Wegner
ANSTATT EINES SARGES
den Pühringer sich in den 25 Zeichnungen der Serie "Cassa da morto" erarbeitete, als er nach einem Aufenthalt in Florenz 1990 immer wieder auf der Suche war nach der für ihn endgültigen, möglichen Essenz der Form selbst, ist der Rostbarsch entstanden. Zu keinem anderen Projekt des Künstlers gibt es so viele Vorarbeiten und bei keinem anderen scheint die Kluft zwischen Entwurf und Ausführung so auseinander zu klaffen, und zugleich ist es ein Projekt, das realisiert wurde durch den einfachen Rückgriff auf eine konzentriert bearbeitete Idee, deren Umsetzung ebenso unerfreulich wie unwahrscheinlich gewesen wäre. Der Rostbarsch scheint die Erinnerung an diesen seinen Ursprung kaum mehr zuzulassen, und so ist diese Geschichte für das Werk selbst nahezu bedeutungslos, steht die "Cassa da morto" relativ selbständig und doch in sehr engem Zusammenhang mit ihm.
Anstelle eines Mühlrades wurde er zum Bestandteil der "Alten Fabrik Vischawang", die Heuberger erworben und rekonstruiert hat. Der älteste Teil des Gebäudes und damals ersten Drahtzuges im Erzbistum Salzburg wurde bereits 1438 errichtet. Noch heute befindet sich dort der Eingang in den gesamten Komplex, und unmittelbar daneben tritt seit Mai 1997 der Rostbarsch ins Gebäude ein. Die Achse des ehemaligen Wasserrades fungiert heute als statisches Element für das Kunstwerk, dessen Maße sich ergeben haben aus den Spuren, die dieses Rad hinterlassen hat: 6 m Durchmesser. Der "Kopf" der 16 Tonnen schweren und 20 m langen Stahlskulptur verschwindet fast zur Gänze innerhalb der Mauern, die in diesem Falle z. T. durchbrochen werden mußten, um das Werk zu integrieren. Noch immer gebe es etwas Wasser dort, wo bis 1900 genug Strömung war, um ein solches Rad anzutreiben, sagt Pühringer, und dies kann durchaus als eine der nicht unbedeutenden Konnotationen dieses Werkes gesehen werden, die nicht wirklich einer symbolischen Auslegung bedürfen. Auf den ersten Blick nahezu unauffällig, fügt sich dieser fast auf die Fläche reduzierte "ideale" stromlinienförmige Körper an und in die Architektur. Der Rost, der den 2,5 cm starken SpezialStahl innerhalb kurzer Zeit überzieht und gleichzeitig konserviert, hebt sich kaum von der Farbe der Fassade ab. Ein Fremdkörper trotzdem; in sich geschlossen und massiv scheint er in seiner inneren Struktur ebenso zerbrechlich wie unverrückbar. Der Rostbarsch hatte seinen Namen bekommen, kurz nachdem das Projekt in Auftrag geben wurde, und er scheint das wohl "populärste" Werk Pühringers geworden zu sein: Es hatte keinerlei "Erklärungsbedarf" dazu gegeben, die Mitarbeiter der Firma Heuberger haben ihn mit Freude und Interesse erwartet und sofort vorbehaltlos angenommen, die Durchführung ging erstaunlich reibungslos vor sich - und so hat sich auch das Thema der "Cassa da morto" erfreulicherweise auf eine ganz unerwartete Art erledigt: für den Betrachter nicht mehr nachvollziehbar, für das Werk von nur mehr vermittelter Bedeutung und für den Künstler wohl in jener umfassenden Metaphorik, wie sie nur das Leben selbst zu schreiben fähig ist, ohne uns die richtigen Worte dafür zu geben.

zitiert aus: Vernissage 7/97, Seite 43