![]() Ist es Architektur, ist es Skulptur? KÜHNE LÖSUNG: BERNHARD WIDDER ÜBER EIN RAUMKUNSTWERK W. M. PÜHRINGERS MITTEN IN WIENS 19. BEZIRK Versteckt hinter der Straßenfassade eines Gymnasiums in der Billrothstra-ße, Wien 19, dessen Umbau und Erweiterung gerade abgeschlossen wurden, liegt ein Schulhof, der mit einer Brunnenanlage gestaltet war, die, wie der ursprüngliche Schulbau, aus den fünfziger Jahren stammte. Die Planung der Ar-chitektengrupppe Fragner/ Stanzel/Hoffelner umfaßte auch eine Umgestaltung dieses Brunnens: Ein offener Pavillon auf quadratischem Grundriß sollte neben dem Brunnen Platz finden. Mit der Gestaltung wurde der Künstler W. M. Pühringer beauftragt, der aus der quadratischen Vorgabe einen "Pavillon mit integriertem Raumkunstwerk" (so der offizielle Auftrag) entwickelt hat. Die nun fertiggestellte Struktur ist eine Raumskulptur, deren Ausgangspunkt die Lösung der architektonischen Aufgabe - die Gestaltung des Pavillons -darstellt, die sich von einem Eckpunkt aus zu einer expressiven, halb massiven, halb schwebenden Großplastik erweitert. Die Wirkung dieser "Shelter Connection" entsteht aus gestalterischen Gegensätzen, wobei die Spannung zwischen architektonischem Kalkül und der Dynamik der freien Skulptur das Grundthema darstellt: Monumentalität - Kleinteiligkeit; Rhythmik von schwebenden Holzbalken, gezackten, stählernen Fachwerken - Starre, Massivität der Stahlstützen; offener Raum - schützendes Stahl-/Glasdach des Pavillons. Allein die Gegensätze verdeutlichen, daß sich dieses Werk nicht so leicht erfassen oder mit räumlichen Begriffen bestimmen läßt. Zum Teil ist es Architektur, die einen bestimmten Zweck sehr deutlich erfüllt, zum anderen ist es Skulptur, deren Bestandteile noch die Dynamik des gezeichneten Entwurfs vermitteln. W.M. Pühringer, ausgebildeter Architekt, hat vor Jahren der Architekturpraxis den Rücken gekehrt und sich der Zeichnung und dem Objekt gewidmet. Zeichnen erschien als autonome Tätigkeit, obwohl das jeweilige Thema immer auch als Objekt, als imaginäres Bauwerk vorstellbar war. Mit der "Shelter Connection" und ihrem Vorläufer, der 1991 in Thalgau bei Salzburg entwickelten "Heuberger Connection", einer Großskulptur von 40 Metern Länge, kehrte W.M. Pühringer wieder zum Architektonischen zurück, in dem Sinn, daß Zeichnungen, die in erster Linie nicht Entwürfe, sondern Kunstwerke darstellen, nun gebaut werden. Die "Shelter Connection" bedient sich architektonischer Mittel, ihre Form ist aber nicht die eines klar definierten Raums, sondern eine Sprengung von "Form", die in leeren oder in den von umgebenden Bäumen bestimmten Raum weist. Mit zeichnerischen Gesten, die technisch virtuos in einfachen Verbindungen in Stahl, Holz, in Regenblechen und in Glas umgesetzt sind, wird "Raum" erweitert und entgrenzt. Der Name des Werks, "Shelter Connection", hat archetypische, provisorische, auch bedrohliche Bedeutung: Schutz und Verbindung. Sperrig, wuchtig, gleichzeitig fragil spannt die Skulptur Verbindungen zwischen Bäumen und den umgrenzenden Schulgebäuden. Als Zitat der früheren Gestaltung hat Pühringer die alte Brunnenschale als Mittelpunkt des neuen Brunnens, der vor dem Pavillon steht, verwendet. Pühringers Werk besitzt Dynamik, die im Material der Sockelteile und einer Wandscheibe, die noch vor kurzem aus Sichtbeton gestaltet waren, den nötigen Kontrast gefunden hätte. Während der Fertigstellung wurde dieser wichtige Kontrast verändert, indem die Betonflächen mit rötlichen Granitplatten verkleidet wurden, um einen gestalterischen Zusammenhang mit dem Sockelbereich der Schule zu erzeugen. Davon abgesehen, daß die Granitplatten gänzlich unbehandelt, ohne die nötigen Steinmetzdetails verlegt wurden, ist die Verkleidung bereits eine Schicht zuviel - am falschen Ort. Räumlicher Zusammenhang zwischen den Schulgebäuden und der "Shelter Connection" besteht bereits durch den Ort, durch die Proportionen des Hofs. |
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