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Ohne Titel

Günther Feuerstein

SO KOMISCHE DINGER ZWISCHEN DEN BEINEN

Notizen zu Walter Michael Pühringer

"L'Homme - maschine" als Ersatz für den "L'homme - Dieu" - ein Gedanke, der gut seine zweihundert Jahre alt ist, genau so alt wie die Geschichte der Verbannung der "Seele" aus dem Menschen. Was ist dieser Mensch? Die Frage ist ebenso banal wie aufregend und wir können sie immer wieder stellen, weil wir wissen, daß sie letztlich unbeantwortet bleibt. Der Mensch ist nicht das, als was er erscheint: als Mensch. Die lapidare Behauptung homo homo est hat noch niemals befriedigt, das "bloße" Menschsein genügt nicht.

So muß er es sich immer wieder gefallen lassen, transponiert zu werden: oft genug in ein geistiges Wesen, in ein Sein, das gleichsam - urewiger Wunschtraum - eine Stufe höher steht als diese fatale biologische Existenz.
Sehnsucht "nach oben": das wäre verständlich.
Wie aber, wenn der Mensch nun zum Objekt, zur Materie, zum Gerät wird?

Das hat längst in der Renaissance begonnen: denken wir etwa an Arcimboldis Gemüse- und Blumenköpfe: der Mensch als vegetabiles Wesen, als superiertes Grünzeug. Naturwissenschaft und Technik, Chemie, Physik, Biologie: geben sie den Schlüssel zur mechanistischen Deutung des Menschen? "Der Mensch als chemische Fabrik" war die vieldeutige Überschrift über einer Schul Wandtafel noch vor wenigen Jahren.

Der Mensch als Mechanismus, der künstliche Mensch, der Roboter: wie alt doch diese Erfindungen sind. Mechanisches Theater der Barockzeit, dann komplizierte Uhrwerkmenschen, schachspielende Maschinen (ein Schwindel, aber trotzdem symptomatisch), Maschinensklaven, Menschenmaschinen. Und dazwischen immer wieder der Mensch als Opfer der Maschine, indem er sich in sie verwandelt? Will er ihresgleichen werden, um mit ihr kämpfen zu können? Oder ist er ihr so heillos verfallen, daß er keine andere Chance hat, als die der Transfiguration Freud. Weininger, Adler, Kretschmer, Lombroso: in allen Theorien ist etwas von der mechanischen Unentrinnbarkeit des menschlichen Lebens: Sexualität, Macht, Typus, Geschlecht: sind es die Determinanten unseres Daseins?

Vielleicht noch vermehrt um eines: die Maschine.

Tatsächlich: unsere Abhängigkeit von der Maschine ist ins Ungeheure gestiegen, sie bedeutet Existenz schlechthin. Machen wir uns nichts vor: die neue Stadtflucht, hinaus in die Bauernhäuser, Bungalows und Mühlen erfolgt nicht wegen, sondern durch die Maschine: zurück zur Natur - aber vergeßt die Maschinen nicht! Welch naiver Aberglaube: daß der Mensch in der "unberührten" Natur ohne Apparate existieren kann!

Walter Pühringer versteht einiges von Maschinen, von Motoren. Liebt er sie oder haßt er sie? Das sind keine Alternativen, keine Gegensätze. Pühringer als Kritiker des Motorfetischismus: nein das wäre zu simpel - und vermutlich auch ungenau. Pühringers Zeichnungen sind Visionen und gleichzeitig reale Erlebnisse: das "Verschmelzen" mit dem Fahrzeug, mit der Maschine wird zu einem biologischen Ereignis, der Geschlechtsakt Mensch-Motor erzeugt ungeheuerliche Wesen, ein Pandämonium von Motor-Mensch-Zwittern für den Außenstehenden, die Geburt eines neuen Wesens für den Magier. Eklige Dinger zwischen den Beinen für den Betrachter, die Vermählung des Menschen mit dem Apparat für den Insider, ein Coitus, der Stunde für Stunde, in legendärer Potenz, von jedem von uns vollzogen wird, wollüstig, stöhnend, obszön. Und mit der gleichen Befreiung wie die menschliche Partnerschaft? Mit der gleichen Poesie, mit der gleichen Ekstase?

Die Formeln sind heute zu einfach geworden: hier der gute Mensch ("Aber die Leut' san a Gsindl!"), dort die böse Maschine (verstoßenes Kind, von uns geboren). Das Rechenexempel scheint einfach: vernichtet die Maschinen - die Revolution verschlingt ihre Kinder - und ihr seid befreit! Das ist Elektizismus, ist reaktionär.

W. Pühringer schlägt eine andere Formel vor: Die Maschine wird zum Menschen. Letzte Konsequenz, die noch aussteht.

PS. : Pühringer ist verflochten in diesem Wiener Raum - nicht nur gedanklich, auch technisch. Eine neue "Wiener Schule" der Graphik: Pichler, Peintner, Hollein, Lechner und etliche andere. Aber das Wesen der Aussage - ein Wiener Irrtum - erschöpft sich nicht in der technischen Brillanz der Graphik. Pühringers Engagement verhindert das Epigonentum.

zitiert aus: Transparent 1975/1