Wilhelm Kainrath
ÜBER MICHAEL PÜHRINGER
Das Aggressive, das in der Verschmelzung von Körper und Maschine zum Ausdruck
kommt, wendet sich sowohl gegen diesen Körper selbst - also nach innen -
als auch gegen den anderen; sie geht vom Körper aus. Der Körper wird zur
Waffe und zur Wunde gleichermaßen.
Darin liegt etwas über die Funktion der Aggressivität, die nicht nur den ver
stümmelt auf den den sie trifft, sondern auch den, der sie ausübt.
Darin liegt etwas über die Maschine, die sich mit dem Menschen verbindet.
Egal, ob der Mensch die Maschine als Instrument seiner Aggressivität, seiner
Machtausübung einsetzt, oder ob sie ihm in aggressiver Weise aufgepfropft.
wird - in beiden Fällen bemächtigt sich die Maschine des Menschen. Sie un
terwirft den Schützen sowohl - wenn auch in ganz anderer Weise - als den
Beschossenen. Beide sind Instrumente des Systems der Maschine. Dies soll
nicht den Unterschied zwischen Machthaber und Bemächtigten) aufheben oder
verschleiern, sondern zeigt nur die Abhängigkeit beider vom System der Macht.
Die Maschine kanonisiert Aggressivität und Macht. Sie repräsentiert ein Herr
schaftssystem.
Die Verbindung von Sexualität und Maschine wendet sich gegen die Sexualität.
Der Voyeur wird in seiner Suche nach dem Erotischen enttäuscht, außer er be
geilt sich am Gewalttätigen. Die Sexualität als Maschine. Sexualität als
ausgeübte oder erlittene Aggression; Sexualität als Waffe.
Das ist nicht so banal, daß der Penis die Waffe, die Vagina die Wunde wäre
- das wären überholte Klischees eines beschaulichen Konservativismus. Beide, Frauen wie Männer sind eingespannt in der Ambivalenz der Aggressivität, die nach vorne und hinten losgeht. Da wird das Loch sosehr zur Zielscheibe wie zum Pistolenlauf; der Schwanz sosehr zum pulsierenden Rennwagenmotor wie zum zerriebenen Faserbündel.
Die Sexualität steht dem Körper gegenüber wie ihm die Maschine gegenüber
steht - als Gegensatz. Paradox: Indem die Maschine dem Körper integriert ge
zeigt scheint, hernach die Parallelität zwischen Maschine und Sexualität
aufleuchtet, wird schließlich die Interpretation von der Maschine auf die
Sexualität übertragbar und zwar im gegenteiligen Sinn: Die Sexualität ist
dem Körper nicht integriert - obwohl sie es sein sollte - sie ist von ihm
getrennt; die Maschine ist dem Menschen integriert, wodurch der Mensch sich
selbst entfremdet wird.
In seinen Verschmelzungen von Körper, Maschine und Sexualität versucht Püh
ringer etwas, was Freud beim Witzerzähler analysiert. Was passiert beim Witz?
Zwei, normalerweise als unvereinbar geltende Gedanken werden zusammengeführt
zu einer erhellenden, überraschend gefundenen Einheit. So etwas ist nicht
immer ein Witz. Während aber üblicherweise das Herausarbeiten des dritten Gedankens eine langwierige Erklärungskette erfordert, die zu bilden durch allerlei konventionelle Verdrängungen erschwert wird, gelingt im Witz eine spielerische, originelle Verknüpfung, die die Barrieren der Konvention überrumpelt. Die neue Erkenntnis erfolgt plötzlich, intuitiv, im Kurzschlußverfahren, man erlebt einen qualitativen Gedankensprung. Für Freud wird in diesem Kurzschlußverfahren lustvolle Energie frei - die ersparte Gedankenarbeit -, die sich im Lachen äußert.
Pühringer - und die Kunst wohl häufig - macht etwas ähnliches: Er kombiniert Elemente des Lebens in einer Weise, daß spontan etwas Kompliziertes und "Unerlaubtes" über die menschlichen Beziehungen in der Industriegesellschaft veröffentlicht wird. Mir ist nur nicht zum Lachen, wenn ich mir seine Bilder anschaue.
All das kommt von der Pop-Art - zweifellos. Es kommt auch von den Happenings
und Aktionen eines Mühl, Nitsch oder Wiener. Was aber beim Pop der 50-iger
und 60-iger Jahre so oft Verliebtheit in die Maschine war - bestenfalls
ironisierte und verfremdete, immer aber Verliebtheit und voller Hoffnung -,
was bei den Aktionisten mystische Verherrlichung - bestenfalls reflektierte,
immer aber Verherrlichung der Gewalt war -, all dies kommt bei Pühringer
zwar vor, wurde aber beissender in der Anklage. Das Widersprüchliche gerät
ihm immer schärfer zur Ablehnung der deshumanisierenden Gewalt, des deshuma-
nisierenden Sex, der deshumanisierenden Industrialisierung. Er ist nicht
mehr länger unbeteiligt, man fühlt seine Parteilichkeit.
Pühringers Gestalten sind immer alleine, sie haben keine Gesichter, sie sind
nur Körper. Sie sind allein mit ihrer maschinellen Verstümmelung. Sie treten
in keine menschliche Beziehung ein. Ich weiß, so will es Pühringer, so stellt
er sich die Menschen vor: Als Alleingelassene, die sich mit der Maschine und
der Sexualität abplagen müssen. Zum Teil ist das auch so, zum größeren Teil
sieht Pühringer es nur so. Er macht es sich zu einfach mit der Einsamkeit,
denn er drückt sich um die Darstellung dessen, was den Menschen mit der Ge
sellschaft verbindet. Des Menschen Einsamkeiten, seine Konfrontationen mit
Aggressivität und Industrialisierung passiert ihm ja durch eine bestimmte Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Indem er die Gesellschaft nur durch die Maschine ausdrückt, drückt er nicht mehr nur die Verdinglichung der menschlichen Verhältnisse aus, sondern kann selbst nicht mehr jenseits dieser Verdinglichung blicken. Er kann damit aber sein ganzes Thema nicht mehr ausreichend behandeln. Was er darstellen will, fesselt ihm selbst die Finger. Er ist Gefangener seiner eigenen Thematik. Er sieht nicht darüber hinaus. Noch nicht?
Mag sein, ich unterstelle ihm hier eine Menge Dinge, die kaum da sind und
übersehe Wichtiges, das da ist. Mag sein, daß ihm das alles gar nicht paßt,
was mir da hochkommt. Sei's drum: Die Dinge von denen ich jetzt meine, ich
hätte sie immer schon gewußt, sehe ich in seinen Bildern. Deshalb, weil er
sie mit mit seinen Bildern erst klarmachte? Deshalb, weil ich sie in seinen
Bildern sehen will und daher sehe?
Wien, November 1976
zitiert aus: TRANSPARENT 1977/7
|