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Bernhard Widder: Welche Gründe haben Dich bewogen, für diese Publikation Zeichnungen auszuwählen, deren Entstehung einige Zeit zurückliegt? Steht das damit in Verbindung, daß diese Zeichnungen für Dich autonom sind, im Sinn der Zeichnung als Kunstwerk, weniger als "Architektur-Entwurf", oder gibt es für dich weitere Gedanken?

W. M. PÜHRINGER: Der hauptsächliche Grund für die Auswahl dieser Zeichnungen ist der, daß ich seit einiger Zeit meine Arbeiten räumlich, d. h. dreidimensional, plastisch umsetzen kann. Ich muß das jetzt auf diese Weise realisieren: einerseits erhalte ich Aufträge, andererseits glaube ich, daß es für meine Arbeit sehr wichtig ist, diese Zeichnungen auch zu bauen. Es hat sicher viel mit meiner Ausbildung zu tun. Auch die früheren Zeichnungen waren für mich "gebaut". In der letzten Zeit sind hauptsächlich Skizzen entstanden, aus denen sich dann Konstruktionszeichnungen für die bauliche Realisierung entwickeln. Bei diesen Arbeiten habe ich jetzt keine Zeit mehr, am Zeichenblatt zu "bauen", d. h. an einer Zeichnung zu arbeiten, die in sich das ganze Werk enthält.

Bernhard Widder: In Deinem Werk ist "Zeichnung" von "Architektur" sehr schwer zu trennen: viele Zeichnungen lassen sich als gezeichnete "Objekte" lesen. Das Zeichnen scheint für Dich eine besondere Bedeutung zu haben, die in eine andere Richtung als in die der gebauten Realisierung führt, auch wenn das "Konstruktive" immer bestimmend war. Welchen Stellenwert hat dieses konstruktive Element: weist es immer in Richtung des Architektonischen oder ist es Teil der Zeichnung als künstlerischem Werk?

W. M. PÜHRINGER: Ich glaube, daß ich immer mit dem Hintergedanken gezeichnet habe, daß sich die Zeichnung realisieren lassen könnte. Zum Teil hat sich die Zeichnung verselbständigt und ist auch bewußt Kunst im Papier geblieben. Aber die Idee der Umsetzbar-keit ist irgendwie der Hintergrund meiner Arbeiten, unabhängig vom Maßstab der Zeichnungen, der ja nicht angegeben wird. An Maßstäbe muß ich mich erst halten, wenn ich eine Zeichnung umsetze. Um auf die Architektur zurückzukommen, glaube ich, daß ich bald erkannt habe, mit der Prägung als Architekt nicht ausfüllen zu können, was ich eigentlich wollte. Ich mußte mich woanders hinbewegen, deshalb geschah dieser Umweg über die Kunst, der jetzt wieder zur Architektur geführt hat: ich komme im Maßstab mit dieser "architekturgebundenen Kunst" wieder zurück. Deshalb sind die gegenwärtigen Zeichnungen Skizzen, aus denen innerhalb eines langen Prozesses Objekte entstehen, die dann Teile von Bauwerken oder selbst Architektur sind.

Bernhard Widder: Auch wenn die hier vorliegenden Zeichnungen zum Teil mit dem Gedanken an eine architektonische oder objekthafte Umsetzung entstanden sind, sind sie weniger Entwurfskizzen als in sich geschlossene Werke. Gibt es zu diesen, formal sehr bewußt gestalteten Blättern, die auch Textteile enthalten, die in sich wieder grafisch gestaltet sind, Vorstudien? Was bedeuten die grafischen Texte?

W. M. PÜHRINGER Bei diesen Zeichnungen gibt es keine Vorstudien, keine Skizzen. Sie sind darin enthalten, bedeuten Varianten oder Überlegungen zu Konstruktionen, die ich am gleichen Blatt ausführte. Es war die Phase, in der ich das meiste nur zu Papier brachte, dadurch wurden die Zeichnungen komprimiert, waren gleichzeitig Grafik und Objekt. Was die Schriften betrifft, so sind sie auch für mich kaum mehr entzifferbar. Die Schrift ist aber keine fiktive, sondern sie bezieht sich auf den Zeitpunkt des Zeichnens, nicht nur auf die Zeichnung, auch auf mich - wie es mir dabei geht, was ich gerade im Radio höre - das erzeugt eine Beziehung zu dem, was gerade passiert. Aus dem, was ich so erfahre, filtere ich aus. Diese Schriften sind für mich ein Geheimnis, das mich aus der Trance des Zeichnens in die Wirklichkeit, die um mich existiert, die ich wieder aus dem Radio höre, zurückbringt. Die Schriften haben eine spielerische Seite, aber es gibt eine weitere Ebene, die mir sehr wichtig ist: das Schreiben ist ein anderes Medium. Daß sie wiederum bewußt und grafisch gestaltet sind, hat mit der Logik der Zeichnung zu tun, da gibt es sehr viele Beispiele, auch Leonardo da Vinci. Das Zeichnen ist eine sehr anstrengende Tätigkeit - ich muß immer wieder überprüfen, ob dieses Detail hier stimmt, ein Strich oder ein Winkel kann eine Komposition zerstören, dann nehme ich diesen Strich wieder heraus. Um diese Anstrengung, diese Konzentration zu unterbrechen, wechsle ich dann zum Schreiben.